Claudio Rasano

I might be in love with you. Photography from South Africa

 

In meiner Arbeit geht es immer um Menschen. Ich zeige mein Gegenüber ohne künstliche Verfälschung, meist in realem Licht. Ich möchte, dass man alles sieht. Mein Werkzeug, der Fotoappart, ist nie aufdringlich, immer diskret, aber sehr ehrlich. Mein Gegenüber hat immer im Vorfeld seine Einwilligung zum Bild gegeben. Die Bilder zeigen, was ich sehe.

 

Oslo 8 zeigt grossformatige Fotografien von Claudio Rasano, die 2012/2013 in Südafrika entstanden sind. Im Rahmen eines Werkstipendiums des Internationalen Atelier- und Austauschprogramm Region Basel der Merianstiftung hat Claudio Rasano ein halbes Jahr in Kapstadt und Johannesburg verbracht, wo er neben Landschaften auch Menschen fotografiert hat, genau genommen hat er sich für die Trolleypusher von Johannesburg interessiert. 

Entstanden ist eine Serie von Porträts, die durch Klarheit und Direktheit besticht. Nahe einer Recycling-Stelle, wo der gesammelte und getrennte Abfall verkauft wird, hat er die Müllsammler mit ihrem Einverständnis vor einer weissen Leinwand abgelichtet. Die Kleidung gibt ein Minimum an Aufschluss, ansonsten kein Hintergrund, der einen Kontext verraten könnte. Die Gesichtszüge werfen kaum Schatten, der Blick der Betrachtenden trifft auf den direkten Blick des Porträtierten, er bleibt in seinen Augen haften. Die Geschichte ist im Antlitz der Fotografierten zu suchen. 

Unter all den Männern sei er auch auf zwei Frauen gestossen, die diese körperliche Schwerarbeit verrichten, so Claudio Rasano. Die , Trolleypusher genannt, durchforsten die Mülltonnen und die Trottoirs der Wohn- und Geschäftsviertel nach festen Abfällen mit Rückkaufswert, welche sie auf ihre behelfsmässigen Trolleys laden. Zu Fuss und allein durch Muskelkraft ziehen sie die beladenen Wagen viele Kilometer  durch die Strassen zu privaten Rückkaufszentren. Dort werden die Abfallprodukte gewogen und verkauft. Viele Recycler schlafen im Freien, sind aber in einer regelmässigen Arbeit eingebunden. Illegal als Recycler arbeitende Schwarze in Johannesburg bestätigen die konventionellen Vorstellungen von Obdachlosigkeit in mindestens drei verschiedenen Arten: die verschiedenen Gründe für ihre Übernachtungsweisen, die alternativen Unterkünfte, die sie aufsuchen und ihre persönlichen Lebensumstände. Sie bleiben über Nacht in Johannesburg, um die Transportkosten einzusparen und um die Hinreise in die Vorstädte sehr früh morgens antreten zu können. Sie wählen Räume, wo ihre Unterkunft zwar unbequem sein mag, wo sie aber die gesammelte Ware lagern und aussortieren können, bis sie genügend eines bestimmten Materials haben, um es einzutauschen.

 

Eine Auswahl der eindrücklichen Porträts ist in dieser Ausstellung einerseits mittelformatig als Neunerserie ausgestellt, anderseits grossformatig im Eingangsbereich. Andrew, der blonde junge Weisse, ist ein Künstler. Claudio Rasano hat ihn in Kapstadt kennengelernt. Es ist seine Tätowierung am linken Oberarm, die der Ausstellung ihren Titel verleiht: "I might be in love with you". Sein Blick so eiskalt wie das Blau seiner Augen. Mit den weissen Häusern rechts und links von ihm entsteht ein Triptychon, das beinahe an eine dänische Strandszenerie erinnert. Und unübersehbar enthalten die Fotografien auch eine hochaktuelle sozialpolitische Dimension. 

 

Claudio Rasano ist für seine Fotografien mit namhaften Preisen ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Taylor Wessing Photographic Portrait Prize der National Portrait Gallery London, dem European Publishers Award for Photography und dem American Photo Images of the Year. Seine Arbeiten waren international zu sehen, u.a. in der Hasselblad Masters Finalist-Ausstellung, an den Photobook Days in Deichtorhallen Hamburg, im Australian Centre for Photography in Paddington sowie an der Photo España in Madrid. Dieses Jahr werden Porträts von ihm in der Cheltenham Art Gallery in Gloucestershire sowie in der Scottish National Gallery in Edinburgh ausgestellt sein.